Schau dir die „tote" Lava von Timanfaya aus der Nähe an, und du wirst sehen: Sie ist bemalt. Graue, grüne und orangefarbene Flecken überziehen den Fels wie Raureif. Es sind Flechten — die ersten Siedler jeder neuen Welt. Sie kommen mit dem Wind, klammern sich an den nackten Stein und verwandeln ihn über Jahrhunderte in Boden. Hinter ihnen kommt die Tabaiba, ein kleines, verdrehtes Bäumchen, das die Insulaner wie Kaugummi kauten. Lanzarote ist einer der besten Orte des Planeten, um diesen Prozess live zu sehen: Fast dreihundert Jahre nach den Eruptionen erobert das Leben die Lava weiter, Zentimeter für Zentimeter. Die Wissenschaftler studieren das hier, um zu verstehen, wie das Leben auf der Erde begann — und wie es auf dem Mars beginnen könnte.
Wenn die Lava erkaltet, bleibt nichts: kein Boden, keine Samen, kein Schatten. Eine Wüste aus fabrikneuem Fels. Was danach passiert, ist eine der langsamsten und schönsten Geschichten der Natur, und Lanzarote ist ihre beste Bühne: Hier kannst du an fast drei Jahrhunderte alten Lavaströmen entlanggehen und live das erste Kapitel des Lebens sehen.
Die ersten Hauptdarsteller sind die Flechten: Allianzen aus einem Pilz und einer Alge, die wie ein einziger Organismus funktionieren. Sie brauchen keinen Boden — ihnen genügen Fels, Licht und die Feuchtigkeit, die die Passatwinde (alisios) und die salzige Meeresluft nachts hinterlassen. Als Erste kommt meist eine silbergraue Flechte, die die Lavafelder wie helle Asche überzieht; mit den Jahren gesellen sich orangefarbene, gelbe, grüne und schwarze Arten dazu, bis das Malpaís (Lavaödland) zu einem Gemälde wird, gemalt in geologischer Geschwindigkeit. In Timanfaya und Umgebung wurden an die zweihundert Arten katalogisiert — eine außergewöhnliche Vielfalt, die diese Lavaströme zu einem natürlichen Labor macht.
Die Arbeit der Flechten ist doppelt: Ihre Säuren zersetzen nach und nach die Oberfläche des Gesteins, und ihre Reste sammeln sich, zusammen mit dem Staub, den der Wind einfängt, in Rissen und Blasen der Lava. Dort, in diesen Handvoll „Proto-Boden", keimen die ersten echten Pflanzen. Die Königin ist die süße Tabaiba: ein Bäumchen mit geschwollenem Stamm und vom Wind verdrehten Ästen, das mit einem kläglichen Regen auskommt. Ihr weißer Saft, süß und ungiftig, war über Generationen der traditionelle Kaugummi der Insulaner. Neben ihr siedeln sich Aulagas, Bobos und Verodes an, und mit ihnen kommen Insekten, Eidechsen, Vögel: das ganze Ökosystem, das sich von selbst wieder aufbaut.
Das Faszinierende ist der Kalender. Die Lavaströme von 1730-1736 stecken seit fast dreihundert Jahren in diesem Prozess und sind in vielen Zonen noch immer in der Flechtenphase: So langsam wird ein Boden geboren, in einem Klima ohne Regen. Deshalb verbietet der Nationalpark das Verlassen der Wege — ein einziger Fußtritt kann Jahrzehnte mikroskopischer Arbeit auslöschen —, und deshalb kommen Wissenschaftler, auch solche, die Weltraummissionen vorbereiten, um diese Laven zu studieren: Sie sind das Ähnlichste, was es zur Marsoberfläche in ihrer Jugend gibt, und die Flechten sind ernsthafte Kandidaten, um zu erklären, wie sich das Leben an einem Planeten aus Stein festkrallen kann.
Wenn du das nächste Mal am Malpaís entlanggehst, geh kurz in die Hocke. Dieser „Fleck" auf dem Fels ist ein dreihundert Jahre alter Pionier, der im Stillen daran arbeitet, dass dort in tausend Jahren ein Garten wächst.
