Das Kliff von Famara ist die höchste Mauer der Insel — und zugleich ihr geheimer botanischer Garten. Auf seinen senkrechten Felsbändern, wohin die Ziegen nie gelangten und wo die Meeresbrise jede Nacht ihren Tau hinterlässt, überleben Pflanzen, die nirgendwo sonst auf dem Planeten wachsen: mehr als ein Dutzend exklusive Arten, mit Namen, die nach Schatz klingen — die Siempreviva von Famara, die baumwollige Yesquera, der Bejeque von Lanzarote. Botaniker aus ganz Europa pilgern zu diesem Felsen wie zu einem Museum, das von jedem Werk nur ein einziges Exemplar besitzt. Vom Aussichtspunkt aus kannst du das auch: Diese 600-Meter-Mauer, die ins Meer stürzt, ist eines der bestgehüteten Naturjuwelen der Kanaren.
Jedes alte Massiv hütet Geheimnisse, und das von Famara — der älteste Teil des Inselnordens — hütet die besten. Sein großes Kliff erhebt sich fast 600 Meter über den Ozean, mit Blick auf La Graciosa, und funktioniert wie eine Maschine zur Herstellung von Feuchtigkeit: Die Passatwinde (alisios) prallen gegen die Wand, die Meeresluft steigt auf, kondensiert, und die Felsbänder erhalten eine unsichtbare Bewässerung aus Nebel und Tau, die der Rest der Insel nie zu sehen bekommt. Rechne Jahrhunderte der Unzugänglichkeit dazu — keine Ziegen, keine Pflüge, keine Straßen — und du hast das Rezept für ein perfektes botanisches Refugium.
Das Ergebnis ist außergewöhnlich: In diesem Winkel konzentriert sich die größte Pflanzenvielfalt Lanzarotes, mit Hunderten von Arten — und darunter mehr als ein Dutzend, die exklusiv sind: Pflanzen, deren gesamte Weltpopulation an diesem Kliff und in seiner Umgebung lebt. Die Siempreviva von Famara öffnet ihre malvenfarbenen Papierblüten über dem Abgrund. Die baumwollige Yesquera, eingehüllt in eine weiße Wolle, die sie vor Sonne und Durst schützt, sieht mitten im August wie verschneit aus. Der Bejeque von Lanzarote entfaltet seine fleischigen Rosetten in den Felsspalten, und die Cañaheja von Lanzarote reckt im Frühling ihre über einen Meter hohen gelben Blütenstangen empor.
Warum ist das so wichtig? Weil jede dieser Arten ein unwiederholbares Evolutionsexperiment ist. Tausende Jahre lang isoliert auf ihrer Mauer, passten sie sich Millimeter für Millimeter an genau dieses Kliff an, an genau diesen Nebel, an genau diesen Wind. Verschwinden sie hier, verschwinden sie aus dem Universum. Deshalb steht ein Großteil des Felsens unter Schutz, und deshalb behandeln die Botaniker ihn wie eine Schatzkammer: Hierher kommt man zum Schauen, nicht zum Pflücken.
Die gute Nachricht: Schauen ist einfach und gratis. Vom Dorf Famara aus entzündet sich die ganze Mauer bei Sonnenuntergang in Ocker und Gold. Von oben hängen dich die Aussichtspunkte des Nordens — inklusive des berühmten Mirador del Río — buchstäblich über den vertikalen Garten. Und die markierten Wanderwege im oberen Teil des Felsens erlauben es, in diese Welt hineinzuschauen, ohne sie zu betreten.
Manche Inseln prahlen mit Urwäldern. Lanzarote prahlt mit etwas Seltenerem: einem hängenden Garten über dem Atlantik, in dem jede Blume eine Überlebende mit eigenem Namen ist.
