Bevor man ins Weltall fliegt, muss man durch Lanzarote. Das ist kein Witz: Die Europäische Weltraumorganisation trainiert hier ihre Astronauten im Programm PANGAEA, der Schule für Planetengeologie, in der schon Namen wie Luca Parmitano, Pedro Duque oder Matthias Maurer gelernt haben. Der Grund? Die jungen Laven der Insel, kaum von Vegetation oder Erosion berührt, sind das Erdähnlichste, was es zur Oberfläche von Mars und Mond gibt. In ihren Vulkantunneln werden Rover, Anzüge und Instrumente getestet, die eines Tages Millionen Kilometer von hier arbeiten werden. Wenn du durch Timanfaya gehst, schau mit ihren Augen: Das ist keine seltsame Landschaft — das ist die Generalprobe für einen anderen Planeten.
Es gibt eine kurze Liste von Orten auf der Erde, an denen man sich wirklich darauf trainieren kann, einen anderen Planeten zu betreten, und Lanzarote nimmt darauf einen Ehrenplatz ein. Seit 2016 veranstaltet die Europäische Weltraumorganisation hier die Kampagnen ihres PANGAEA-Programms: ein intensiver Feldgeologie-Kurs, konzipiert, damit Astronauten — gewohnt an Physik und Ingenieurwesen — lernen, Gestein wie ein Planetenwissenschaftler zu lesen. Durch seine Lava-„Klassenzimmer" sind ESA-Astronauten und Mitarbeiter anderer Agenturen gegangen: Luca Parmitano, Pedro Duque, Matthias Maurer und weitere. Die Abschlussprüfung ist kein schriftlicher Test: Es geht darum, vulkanisches Gelände zu identifizieren, zu beschreiben und zu beproben, so wie sie es eines Tages auf dem Mond oder dem Mars tun werden.
Warum ausgerechnet hier? Wegen einer schwer wiederholbaren Kombination. Die Eruptionen von 1730-1736 und 1824 hinterließen junge, perfekt erhaltene Laven: Das trockene Klima hat sie kaum erodiert, und die Vegetation hat sie kaum besiedelt, sodass das Gelände heute fast so aussieht wie am ersten Tag — genau wie die Marsoberflächen, eingefroren in der Zeit. Es gibt Basalte, vergleichbar mit Mondgestein, Kegel und Ströme jeder Art und, vor allem, es gibt kolossale Lavatunnel: die Cueva de los Verdes und das System von La Corona. Das ist wichtig, weil auf dem Mond und dem Mars ähnliche Vulkanröhren entdeckt wurden, die als aussichtsreichste Kandidaten für die ersten menschlichen Basen gelten — natürlicher Strahlenschutz, stabile Temperatur, ein Dach aus Fels. In einer echten Röhre zu trainieren, hier, ist das Nächste, was man haben kann, um sie dort zu erkunden.
Die Kampagnen gehen weit über die Lektionen hinaus. In den Editionen mit Technologietests wird die Insel zum Testgelände: ferngesteuerte Rover, die den Malpaís (das Lavaödland) durchqueren, Anzüge und Probenahmewerkzeuge, Navigationssysteme für Höhlen, Kommunikationsprotokolle zwischen „Astronauten" im Feld und Wissenschaftlern im Kontrollraum. Wissenschaftliche Institutionen aus mehreren Ländern — und Kooperationen mit der NASA — haben diese Laven genutzt, um Instrumente zu kalibrieren, die auf dem Mars nach Leben suchen, gerade weil man hier untersuchen kann, wie Mikroben unter Extrembedingungen vulkanisches Gestein besiedeln.
Für die Insel ist diese Weltraum-Romanze auch eine Form der Anerkennung: Ihre Landschaft ist so gut erhalten, dass sie als planetenwissenschaftlicher Maßstab dient. Und für dich als Besucher ist es ein kostenloser Perspektivwechsel. Dieser endlose Malpaís, den du von der Straße aus siehst, ist keine „verbrannte Erde": Es ist Europas bester Mars-Simulator, mit dem Vorteil, dass das Meer zehn Minuten entfernt liegt und Hähnchen über dem Vulkan brät. Die Astronauten kehren nach Hause und sagen alle dasselbe: Nirgendwo auf der Erde fühlten sie sich so weit weg von der Erde.
