In der ersten Küstenlinie Lanzarotes dürfte eigentlich nichts leben: Salz, Wind, afrikanische Sonne und Monate ohne einen Tropfen Regen. Und doch sind sie da — die Uvilla de Mar, das „Meerträubchen", mit ihren Blättern wie winzige, wassergefüllte Trauben, die silbrigen Salados, der dünenbauende Balancón, die Lechuga de Mar, der „Meereslattich", den die Hirten aßen. Jede von ihnen ist ein Überlebenshandbuch: Blätter, die zu Wassertanks wurden, meterlange Wurzeln, Häute aus Wachs, Drüsen, die das Salz ausspucken. Sie trinken vom Tau, vom Nebel und von der Feuchtigkeit des Meeres selbst. Sie sind der natürliche Bonsai der Insel: klein, hart und perfekt. Und sie sind es, die den Sand festhalten, auf dem du gehst.
Wenn Pflanzen Ingenieursvorlesungen halten würden, wären die der Küste Lanzarotes die Professorinnen. Ihr Lebensraum gehört zu den härtesten der Pflanzenwelt: Boden, der kaum Boden ist, Spritzer aus Salzwasser, ein Wind, der nie ruht, und ein Regen, der monatelang ausbleiben kann. Die Lösung war nicht, im Großen zu widerstehen, sondern im Kleinen: Fast alle sind niedrig, kompakt, rundlich — Formen, die dem Wind und der Verdunstung minimale Angriffsfläche bieten.
Der Star ist die Uvilla de Mar, das „Meerträubchen". Ihre Blätter sind kleine fleischige Kugeln, echte Feldflaschen: Innen speichert sie Wasser — sogar Brackwasser, mit dem nur sehr wenige Pflanzen der Welt umgehen können —, und in den schlimmsten Monaten opfert sie ganze Blätter, um zu sparen. Sie wächst dort, wo fast schon die Wellen brechen, rund und gelbgrün, und ist eine der fotogensten Pflanzen des Küstensaums. Neben ihr spielen die Salados eine andere Karte: Sie nehmen das Salz auf, konzentrieren es in speziellen Drüsen und stoßen es in winzigen Kristallen aus — deshalb wirken ihre Blätter wie mit Raureif bestäubt und glitzern in der Sonne.
Der Balancón ist der Architekt der Gruppe. Dieser robuste Busch fängt den Sand ein, den der Wind heranträgt, und häuft ihn um seine Basis an; so baut er Hügel, die mit ihm wachsen: So entstehen und halten sich die Dünen des El Jable (der Sandkorridor der Insel) und der Strände des Nordens. Ohne Balancones keine stabilen Dünen; ohne Dünen wandert der Sand davon. Jeder Busch ist ein lebender Deich. Die Lechuga de Mar, der „Meereslattich" mit seinen fleischigen, glänzenden Rosetten in den Spalten der Klippen, diente Hirten und Fischern in Zeiten der Knappheit sogar als Nahrung.
Woher nehmen sie das Wasser? Von dort, wo niemand hinschaut. Vom Tau, der in der Morgendämmerung auf ihren kalten Blättern kondensiert. Von der Maresía — jenem salzigen Nebel, den die Passatwinde (alisios) landeinwärts drücken. Von minimalen Regenfällen, die ihre flachen, wie Netze ausgebreiteten Wurzeln in Minuten einfangen. Manche kombinieren zwei Wurzelsysteme: die flachen für den Tau, eine tiefe für die Reserven.
All das hat eine praktische Moral: Dieses „hässliche" Gestrüpp am Rand des Strandwegs ist Infrastruktur. Es hält den Sand fest, ernährt Insekten und Eidechsen, spendet den Nestern des Seeregenpfeifers Schatten. Bleib auf den markierten Wegen, reiß nichts aus und schau genau hin: In einem Quadratmeter Küste von Lanzarote steckt mehr Ingenieurskunst als in vielen Gebäuden.
