Schau vom Mirador del Río aus hinüber: Dieser Meeresarm und die Eilande, die du siehst — La Graciosa, Montaña Clara, Alegranza und die Felsen — sind Teil des größten Meeresreservats Europas: rund 70.000 Hektar geschützter Ozean seit 1995. Unter der Oberfläche macht sich das bemerkbar: neugierige Zackenbarsche von der Größe eines Hundes, Barrakuda-Schwärme, Rochen, Papageifische — der Lieblingsfisch der Kanarier — und Meeresböden, die aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen scheinen, als das Meer noch voll war. Oben beherbergen die Klippen der Eilande spektakuläre Seevogelkolonien. Es ist die Speisekammer und das Juwel des Nordens: ein Stück Atlantik, verwaltet nach einer einfachen Idee — lässt du das Meer in Ruhe, gibt es dir vervielfacht zurück.
1995 wurde rund um den Chinijo-Archipel — La Graciosa und seine Schwester-Eilande — eine unsichtbare Grenze über das Meer gezogen: rund 70.700 Hektar Ozean, wo industrielle Fischerei keinen Zutritt hat und die handwerkliche Fischerei sorgsam reguliert wird. So entstand das größte Meeresreservat Europas, und drei Jahrzehnte später ist es der beste Beweis für ein Gesetz, das die alten Fischer längst kannten: geschütztes Meer bringt mehr Meer hervor.
Warum ausgerechnet hier? Weil dieser Winkel außergewöhnliche Bedingungen vereint. Das Wasser, das aus dem Norden kommt, ist kühl und nährstoffreich; die Meeresböden vereinen Sandflächen, Felsgrund, Höhlen und Steilkanten, die in große Tiefen abfallen; und die unbewohnten Eilande schenken kilometerlange, unberührte Küste. Das Ergebnis ist eine Speisekammer: Hier laichen und wachsen Arten, die später die Küsten der ganzen Insel neu besiedeln. Die Wissenschaftler nennen das den „Reservat-Effekt" — das Leben schwappt über die Grenzen des Schutzgebiets hinaus und kommt allen ringsum zugute.
Unter Wasser sieht man den Unterschied nach fünf Minuten. Stattliche Zackenbarsche, die an anderen Küsten seit Jahrzehnten verschwunden sind, nähern sich hier den Tauchern wie Hausherren, die nach dem Rechten sehen. Bunte Papageifische grasen zwischen den Felsen, Schwärme von Geißbrassen und Goldstriemen, Barrakudas patrouillieren in Formation, Stechrochen und Engelhaie auf den Sandflächen, Languste in den Spalten. Die Tauchbasen der Gegend hören von ihren Besuchern immer denselben Satz: „So war das Mittelmeer vor fünfzig Jahren."
Der Reichtum setzt sich über der Oberfläche fort. Die Klippen von Alegranza und Montaña Clara beherbergen Kolonien des Gelbschnabel-Sturmtauchers — Tausende Paare, die jeden Sommer die Nächte des Nordens mit ihrem gespenstischen Klagen füllen —, dazu Sturmschwalben, zum Brüten eingetroffene Eleonorenfalken, Fischadler und den Guirre. Deshalb ist das ganze Gebiet zugleich Naturpark und eine der wichtigsten Seevogelzonen des östlichen Atlantiks.
Für den Besuch gelten Regeln des gesunden Menschenverstands: Zum Chinijo geht es nur mit autorisiertem Boot oder der Fähre von La Graciosa, das Sportfischen ist begrenzt, und Ankern ist nicht freigestellt — die Genehmigungen schützen genau das, weswegen man gekommen ist. Die Belohnung dafür: die Meerenge von El Río unter der Mauer von Famara zu durchsegeln, mit den Eilanden aufgereiht bis zum Horizont, ist eine der großen Postkarten des Atlantiks. Und zu wissen, dass das alles seit dreißig Jahren geschützt ist, macht es noch schöner.
